Barock meets Fandango

Spiegelungen mexikanischer Folksongs in Musik des europäischen Barock mit:

Ampersan (Mexiko)                                   Daniel Beilschmidt, Orgel

Was haben europäische Barock-Musik und mittelamerikanisches Liedgut gemeinsam? – Ihren Ursprung! 
Und der liegt in der Kolonialisierung Mittel- und Südamerikas. Der Konzert-Abend „Barock meets Fandango“ stellt jene Lied-und Tanzformen einander gegenüber, die sich gleichermaßen in der barocken europäischen Kunstmusik wie im mittelamerikanischen Liedgut um 1700 finden: Folía, Fandango, Romanesca, Bergamasca, Ciacona. Weiter lesen…

Im Zuge der Kolonialisierung Mittel-und Südamerikas wurden kulturelle Austauschbewegungen in Gang gesetzt, die bis in unsere Zeit wirken. Auch auf musikalischem Gebiet kam es dabei zu vielfältigen Verquickungen, deren Entwicklung heute nicht mehr im Detail rekonstruierbar ist. Was wann wo zuerst erschien, ist – wie bei jedem Mythos – schwer zu sagen. Fakt ist: die Verschleppung afrikanischer Sklaven auf die amerikanischen Kontinente führte bereits innerhalb des ersten Jahrhunderts nach Entdeckung und Kolonialisierung der „Neuen Welt“ zu Resonanzen zwischen mittel-und südamerikanischen, afrikanischen und europäischen Musiktraditionen – und das zunächst auf amerikanischem Boden.

Was uns heute als spezifisch spanischer „Groove“ der Barockzeit erscheint – nämlich die Überlagerung von Zweier-und Dreiermetrum – geht in Wahrheit auf afrikanische Einflüsse zurück. Die iberische Musik vor der Entdeckung Amerikas war nämlich eine ganz andere! Da herrschte, wie in den anderen europäischen Ländern, Vokalpolyphonie frankoflämischer Prägung vor.

Jene Musik wurde nun auf beiden Seiten des Atlantiks nicht nur gespielt und gesungen, sondern auch begeistert getanzt. Und es kam zeitweise sogar zu Verboten, sowohl der Musik als auch des (als anzüglich bewerteten) Tanzes! Gleichwohl tat das ihrer Popularität keinen Abbruch – im Gegenteil: alle europäischen Komponisten von Rang haben sich mit jenen Gattungen über (mindestens)  gut zwei Jahrhunderte befasst und sie in die „Kunstmusik“ überführt. Denken wir an Händels berühmte Sarabande in d-Moll, an Bachs Ciacona für Violine solo oder an Passacaglien von Bach über Brahms bis zu Ligeti!

Iberische Einflüsse wurden in gewissen Elementen des mittelamerikanischen Volkslieds über Jahrhunderte gepflegt und konserviert. Es kann angenommen werden, daß das Harmonieschema und der Rhythmus eines mexikanischen Volksliedes aus der spezifischen Tradition des Son Jarocho (wie von Ampersan dargeboten) in vielen Details wohl noch so klingt wie vor 300-400 Jahren. Was dieses Liedgut jedoch über eine rein historische Bedeutung hinaushebt, sind die unzähligen scharfzüngigen Umdichtungen und Textadaptionen eines jeden Interpreten auf das tagesaktuelle Geschehen hin.

Im Konzert von Ampersan und Daniel Beilschmidt kommen fünf Harmonieschemata vor, die dialogisch je in einem Orgelstück und einem „Son“, also einem jener mexikanischen Lieder/Musikstücke erklingen. Son bezeichnet sowohl die Volksmusik als auch Musikstücke der Regionen um die Karibik, den Golf von Mexiko und Guatemala. Eine typische  größere Besetzung kann aus Gesang, Harfe(n), Jaranas (gitarrenartige Instrumente, bei denen Korpus und Hals aus einem einzigen Stück Holz gearbeitet sind), Gitarren verschiedener Größen (Punteador=Diskant, Leona=Bass), Cajón (Percussion) und Marimból (größere Form des afrikanischen Daumenklaviers) bestehen. Neben Cajón und Marimbol gehört auch der Zapateado, also jener rhythmische Stampftanz mit deutlich spanisch-arabischen Einflüssen, zur Rhytmusgruppe.

Die Orgelstücke sind allesamt Variationswerke über einen immer wiederkehrenden Bass. Die heute erklingenden Bassmodelle bzw. Ostinatoformen sind ein kleiner Auszug aus dem zwischen etwa 1550 und 1800 in ganz Europa verbreiteten Fundus, an dem sich zahlreiche Komponisten abarbeiteten.

Programm „Barock meets Fandango“

Samuel Scheidt (1587-1654) Bergamasca – (Orgel)
La Bamba Son (Ensemble Jarocho) – (Ensemble Jarocho)
Antonio Valente (ca. 1520 – ca.1600) La Romanesca con cinque mutanze(Orgel)
Los Impossibles/Lloroncita  Son(Ensemble Jarocho)
Alessandro Scarlatti (1660-1725) 29 Partite sopra l’aria della Folía – (Orgel)
Folía/La Petenera Son(Ensemble Jarocho)
La Llorona Canción istmeña(Ensemble Jarocho)
Johann Pachelbel  (1653-1706) Ciacona in f – (Orgel)
El Fandanguito  Son(Ensemble Jarocho)
Antonio Soler (1729-1783) Fandango – (Orgel)
La Guacamaya Son(Ensemble Jarocho)
La Morena Son(Ensemble Jarocho)

Ampersan verbinden traditionelle mexikanische Klänge wie Son Jarocho und pre-hispanische Musik mit modernen Genres wie Rock, Pop, Hip-Hop, Jazz und elektronischer Musik. Begleitet und verzaubert durch visuelle Projektionen, entführen sie das Publikum in eine magische Atmosphäre.

Tiefsinnige Poesie Lateinamerikas ist außerdem Bestandteil ihrer Kompositionen. Besonders wichtig ist Ampersan die Beziehung zu alten Traditionen, die sie mit Workshops, kulturellem Austausch und Feldforschung überwiegend in Mexiko, aber auch in ganz Lateinamerika pflegen.

Dies spiegelt sich in der Vielfältigkeit ihrer Musik wider, mit der sie bereits um die halbe Welt getourt sind. So traten sie auf verschiedenen internationalen Festivals wie dem NOW! Festival (USA), Vive Latino (México), Folklorum Festival (Deutschland), Encuentro de cantautores en Alta Gracia (Argentinien), Semana Mexico Jovem (Portugal), Festival Internacional Serenadas (Uruguay),  oder dem Empire Music Festival (Guatemala) auf.

Die Band wurde 2007 gegründet und arbeitete seitdem auch in verschiedenen Projekten mit Tanz, Theater, Film oder Poesie. Von Ampersan liegen zwei Studio-Alben und zwei Live-Alben vor.

Daniel Beilschmidt, geboren 1978, wuchs in Rödersdorf bei Schleiz auf. Er studierte Orgel mit Konzertexamen bei Arvid Gast, Ullrich Böhme, Stefan Johannes Bleicher, Hans Fagius, Bernhard Klapprott und Michael Kapsner in Leipzig, Kopenhagen und Weimar.

2009 wurde er in das Amt des Leipziger Universitätsorganisten berufen, 2009 bis 2015 war er Assistenzorganist an der Leipziger Thomaskirche. Seit dem Wintersemester 2015/16 ist er Künstlerischer Mitarbeiter an der Hochschule für Musik und Theater in Leipzig.

Konzerte führten ihn über Deutschland hinaus nach Skandinavien, Belgien, Polen, Russland, die Ukraine, Argentinien, Mexiko und die USA. Er widmet sich häufig Projekten mit kreativen Grenzüberschreitungen und arbeitete mit Theater, Tanz, Elektroakustik und der Leipziger Band „Mud Mahaka“. 2013 erschien seine Debüt-CD mit Olivier Messiaens Zyklus „Méditations sur le Mystère de la Sainte Trinité“, aufgenommen an Messiaens langjähriger Wirkungsstätte, der Èglise de la Sainte Trinité in Paris. 2017 wurde die erste Tonaufnahme aus der Neuen Universitätskirche, die CD „Fortuna desperata“ mit Orgelmusik aus Gotik und Renaissance mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet. Seit Dezember 2017 betreut und gestaltet Daniel Beilschmidt in der Neuen Universitätskirche St. Pauli um die beiden neuen Orgeln  von Metzler (II/P,7) und Jehmlich (III/P, 46)die Kirchenmusik in Universitätsgottesdiensten, Universitätsvespern und Konzerten.

Beilschmidt tritt auch als Komponist hervor, so mit Auftragswerken für die große Silbermannorgel des Freiberger Domes oder für den GewandhausChor. Im Mai 2018 wurde als Auftrag der Stiftung Universitätskirche St. Pauli zu Leipzig das Stück „Visionen“ nach Texten der Bibel für zwei Solostimmen, Chor, zwei Orgeln und vier Instrumentalisten uraufgeführt.

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